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Fühend-führen-Illustrationen-A5_Seite_15Wenn wir an erfolgreiche Kommunikation denken, so denken wir vielleicht an eloquente, argumentationsstarke Sprecher, die mit messerscharfem Witz, emotionaler Wertschätzung und rhetorischer Finesse ihre Gesprächspartner zu Einsichten führen oder zu Handlungen motivieren. Betrachten wir erfolgreiche Redner in Unternehmen, in der Politik, in Talkrunden oder bei Meetings, so fällt uns nicht so sehr ihr Schweigen und Zuhören, sondern besonders ihr aktiver, gestalterischer Beitrag ins Auge. Dabei neigen wir dazu, eine eher passive, jedoch häufig erfolgsentscheidende Komponente zu übersehen: Das Verstehen des Anderen und dessen Beiträge bildet quasi das unsichtbare Fundament erfolgreicher Gesprächsstrategien und -techniken. Genauso wie das Spiel eines Arztes mit unterschiedlichen therapeutischen Maßnahmen einem Hornberger Schießen gleicht, wenn ihm keine gründliche Diagnose vorausgeht, wäre der Einsatz von rhetorischen und dialektischen Kommunikationsinstrumenten nicht effizient und wenn, dann nur zufällig effektiv, wenn das Gegenüber zuvor nicht erfolgreich verstanden worden wäre.

Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, warum der Erfolg eines jeden noch so ausgefeilten und eleganten kommunikativen Manövers darauf beruht, dass es dem Sprecher gelingt, seinen Gesprächspartner zu verstehen. Schließlich hängt die Bereitschaft des Gesprächspartners, dem Sprecher seine Aufmerksamkeit zu schenken und seine Botschaft wohlwollend aufzunehmen, nicht unwesentlich von seinem Gefühl ab, in welchem Maße der Sprecher seinerseits sich mühte, sein Gegenüber zu verstehen. Mein Verständnis des Anderen bereitet also in doppelter Weise das Einverständnis vor. Erstens als diagnostische Grundlage für meine strategischen Manöver und zweitens als Signal an das Gegenüber, ihn und seine Haltung wertzuschätzen, was die Bereitschaft, mir entgegenzukommen und meine Position zu akzeptieren, erhöht. Durch Verständnis bereite ich das Einverständnis vor.

Für das Einverständnis meines Gesprächspartners ist allerdings nicht bloß erforderlich, dass ich ihn verstehe, sondern klarerweise auch umgekehrt, dass er mich versteht. Wie soll mein Partner zustimmen, wenn er mich mit meinem Beitrag nicht oder nicht richtig verstanden hat? Um mein Gegenüber zu überzeugen und zu bestimmten Handlungen zu motivieren, komme ich nicht umhin, dafür zu sorgen, dass er mich versteht. Der Erfolg von Kommunikation steht und fällt also mit dem Verstehen. Dies ist Grund genug, zunächst einmal das Verstehen genauer unter die Lupe zu nehmen. In meiner neuen Artikelserie erfahren Sie, wie Sie die Äußerung eines Sprechers verstehen, wie Kommunikation funktioniert ,wie Sie den Sprecher einer Äußerung verstehen und wie Sie über das Verstehen Ihr Gegenüber für sich gewinnen. Im ersten Teil erwerben Sie das Rüstzeug, wie Sie sicherstellen, dass Sie verstanden wurden.

Wie wir Äußerungen verstehen und missverstehen

Unser Seh- und unser Hörsinn spielen beim Verstehen und Missverstehen eine bedeutende Rolle. Sieht man einmal von dem Tastsinn ab, der es geschulten Menschen ermöglicht, die Zeichen auf einer Medikamentenpackung zu dekodieren, so lässt sich, ohne zu übertreiben, festhalten, dass ohne Augen und Ohren keinerlei kommunikatives Verstehen möglich ist. Doch was uns unsere Sinne übermitteln reicht oft nicht aus. Wir mögen einen Kommunikationsversuch erkennen, jedoch die Äußerung unseres Gegenübers akustisch nicht verstehen. Vielleicht sind die Hintergrundgeräusche einfach zu laut. Jeder der neben einer industriellen Anlage Menschen mit ihren Lippen karpfenartige Bewegungen vollziehen gesehen hat, weiß, was ich meine. Wenn jemand in der Lage ist, eine Lautfolge zu wiederholen, dann ist dies ein sicheres Indiz dafür, dass er die Äußerung akustisch verstanden hat.

Zweifellos leistet das akustische oder allgemeiner das perzeptive Verstehen, was die visuelle Wahrnehmung mit einschließt, einen wesentlichen Beitrag für die Kommunikation. Umgekehrt verbürgt es noch lange nicht, dass der Sprecher zufriedenstellend verstanden wurde. Sogar ein Papagei kann in der Lage sein, die Lautfolge ganzer Aussagen zu imitieren. Zwar stellt dies ein sicheres Zeichen für seine Merkfähigkeit und sein akustisches Verstehen dar. Jedoch nehmen wir nicht an, dass der Papagei die Aussage in einem anspruchsvolleren Sinn verstanden hat. Eine ausreichend präzise Wahrnehmung des Signals, welches der Sprecher für die Kommunikation hervorbringt, schafft demnach eine Grundlage für eine gelingende Kommunikation, stellt diese allein jedoch noch nicht sicher.

Auch menschliche Zuhörer mögen entscheidende Aspekte einer Äußerung nicht oder missverstehen, obgleich sie diese akustisch fehlerfrei verstanden haben. Dies ist z.B. der Fall, wenn wir den optimalen Wahrnehmungsbedingungen zum Trotz die sprachliche Bedeutung der verwendeten Worte nicht kennen. So mögen wir die Sprache des Sprechers nicht beherrschen oder die verwendeten Ausdrücke nicht zu unserem Wortschatz zählen. Eine Führungskraft, die gegenüber ihrem gewerblichen Mitarbeiter betont, wie wichtig es sei, dass die Prozesse akzeleriert würden, schafft neben sozialer Abgrenzung vor allem Eines: Unverständnis.

Der Einsatz von Fremdwörtern oder Neologismen – neue, häufig dem Englischen entlehnte Wortkreationen – kann dazu dienen, eine Verständnishürde zu errichten, um dem Gegenüber ein schlechtes Gefühl zu geben oder ihn zu dominieren.

Zugegeben: Nicht nur Soziologen wissen, dass Fremdwörter oder bestimmte Neologismen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe markieren können, was für den Einzelnen durchaus mit Vorteilen verbunden sein kann. So signalisiert die flüssige Verwendung von Fremdworten oder Fachtermini bei denen, die mit diesen Ausdrücken regelmäßig umgehen, Kompetenz und Nähe. Wenn unser Gegenüber mit uns in einer uns vertrauten Sprache mit uns geläufigen Fachtermini vielleicht sogar in unserer Mundart spricht, so fühlen wir uns ihm in der Regel verbunden. Vertrautheit und Ähnlichkeit erzeugen Sympathie, und Sympathie öffnet uns für die Ausführungen unseres Gegenübers mindestens in dem Grade, wie Antipathie uns voreingenommen werden lässt.[1] Und selbst wenn die Zuhörer die Bedeutung dieser Ausdrücke nicht kennen, mögen sie dem Sprecher Respekt zollen und ihm Kompetenz zuschreiben.

Allerdings schafft der Sprecher in diesem Fall auch Distanz: Denn das Unverständnis geht mit negativen Gefühlen einher. Als Zuhörer leidet oft das Selbstwertgefühl, wenn man Aussagen sprachlich nicht versteht. Dies gilt vor allem dann, wenn der Sprecher die Fremdworte mit der Haltung des Selbstverständlichen verwendet. Insofern ist zunächst zweifelhaft, wenn ein Verkäufer oder Vertriebler einem Interessenten die Eigenschaften eines Produkts in einem diesem nicht vertrauten Fachjargon herunterbetet. Umgekehrt kann der Vertriebsmitarbeiter durch Fachausdrücke und Fremdwörter den Eindruck erwecken, er sei gebildet und fachlich kompetent.

Fachausdrücken und Fremdwörtern haftet also etwas Janusköpfiges an: Sie können Distanz schaffen, und sie können Nähe herstellen. Was der Sprecher durch die Fremdwörter erreicht, hängt von seinem Gegenüber ab. Und dieses kann er manchmal einschätzen, oft aber auch nicht. Im letzteren Fall empfiehlt es sich, entweder auf Fremdwörter und Fachausdrücke sicherheitshalber zu verzichten, oder aber sie auf eine Weise einzusetzen, dass die negativen Effekte minimiert werden. Und die Technik, die mir dafür günstig erscheint, kennen Sie bereits. Jedes Fremdwort, von dem ich mir nicht sicher bin, dass meine Zuhörer oder Leser es verstehen, erläutere ich in Form einer Parenthese – einem Einschub, mit dem ich die Bedeutung des Fremdworts im Anschluss kurz und unauffällig angebe. Einem Zuhörer oder Leser, dem das Fremdwort schon geläufig ist, fällt dieser Zusatz kaum auf. Und einem Zuhörer oder Leser, dem das Fremdwort bis dahin unbekannt oder unklar war, bleiben negative Gefühle erspart. Zudem bleibt er nicht an einem unverstandenen Wort hängen, sondern kann sich voll auf den weiteren Gesprächsverlauf konzentrieren.

Zweifellos ist das Wissen um die sprachliche Bedeutung der verwendeten Wörter hilfreich, um zu verstehen, was der Sprecher uns mitteilen möchte. Ist die Kenntnis des sprachlichen Sinns aber auch notwendig, um zu erkennen, was ein Sprecher mitteilen will? In Paris hielt ich einmal in meiner Verzweiflung darüber, dass ich keinen zulässigen Parkplatz fand, in einer Einfahrt. Daraufhin kam ein wutentbrannter Franzose auf mich zu, fuchtelte mit seinen Armen und redete mit für meine rudimentären Französischkenntnisse unverständlichen Formulierungen lautstark auf mich ein. Obgleich mir der sprachliche Sinn seiner Wörter verschlossen blieb, vermute ich, dass ich verstand, was er mir mitzuteilen beabsichtigte. Nonverbale Signale und die Art der Äußerungssituation erlauben es manchmal, auch ohne Kenntnis des sprachlichen Sinns korrekt zu erfassen, was ein Sprecher mitzuteilen beabsichtigt. Dass ich mit meiner Interpretation nicht so falsch liegen konnte, verriet mir abermals die Körpersprache des Sprechers, genauer seine Mimik: Als er mich davonfahren sah, offenbarte mir ein Blick in den Rückspiegel, dass sich seine Mine wieder aufhellte. Kommunikation kann also auch ohne sprachliche Kenntnisse gelingen. Zweifellos ist lexikalisches und grammatisches Wissen jedoch oftmals die Voraussetzung für gelingende Kommunikation und noch öfter hilfreich.
Sprachliches Wissen alleine beseitigt jedoch nicht immer alle Unklarheiten. Betrachten wir die Äußerung „Faule Außendienstmitarbeiter und Innendienstmitarbeiter verbringen viel Zeit auf der Bank.” Allein das sprachliche Wissen um die Bedeutung der verwendeten Worte und Art der grammatischen Verbindung lässt noch Mehrdeutigkeiten offen. So wird durch unsere Sprachkompetenz nicht festgelegt, ob in dem Satz von faulen Außendienstmitarbeitern und faulen Innendienstmitarbeitern oder von faulen Außendienstmitarbeitern und von Innendienstmitarbeitern im Allgemeinen die Rede ist. Der Linguist spricht hier von einer syntaktischen Ambiguität, einer grammatischen Zweideutigkeit, die daher rührt, dass die Reichweite des Attributs „faule” unbestimmt bleibt. Darüber hinaus weist der Satz eine lexikalische Ambiguität auf: Das Substantiv „Bank” ist ein Homonym – ein Wort, das mehrere Bedeutungen trägt: Die Sitzgelegenheit oder das Geldinstitut. Der Satzzusammenhang allein ermöglicht noch nicht zu entscheiden, welche dieser möglichen Bedeutungen hier zutreffend ist. In der Regel hilft der sprachliche und nicht sprachliche Kontext, also der Zusammenhang der Äußerung, lexikalische und syntaktische Mehrdeutigkeiten aufzulösen. So würde klar werden, welche Lesart der Sprecher der Beispieläußerung beabsichtigte, wenn er fortführe mit: „Einzig die engagierten Außendienstmitarbeiter sind permanent bei ihren Kunden vor Ort.”

Manchmal sorgt schon die Betonung dafür, dass wir erkennen, welche sprachliche Bedeutungsoption dem Sprecher vorschwebte. Missverständnisse können in manchen Zusammenhängen böse Folgen haben, etwa wenn ein Fahrschüler, der die Aussage seines Fahrlehrers, er solle das Hindernis umfahren, versteht als Aussage, er solle das Hindernis umfahren. Besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines derartigen Missverständnisses, wird ein Medium gewählt, das die Betonung nicht überträgt, wie es unsere Stimme vermag. Stellen Sie sich die Vorstandsassistentin vor, die vor einer Aufsichtsratssitzung von Ihrem Chef folgende knappe Anweisung per E-Mail erhält: „Ich erwarte, dass Sie das 3-Säulen-Modell umreißen!” Die Zufriedenheit des Vorstands mit dem Verhalten seiner Assistentin während der Sitzung wird ganz entscheidend davon abhängen, ob sie umreißen oder umreißen verstanden hat. Und davon, was von beidem der Vorstand gemeint hatte.

Angenommen wir verstehen den Sinn der verwendeten Worte, sei es, weil uns die Wörter bekannt sind oder weil uns der Sprecher die Bedeutung erläutert hat. Und nehmen wir weiter an, dass die Äußerung entweder frei ist von Mehrdeutigkeiten oder diese durch den Zusammenhang aufgelöst werden können. Haben wir dann die Äußerung vollständig verstanden? Nicht unbedingt. Denn selbst dann können wir immer noch die Äußerung in wesentlichen Hinsichten nicht verstanden haben. Zum Beispiel könnten wir uns fragen, von welcher Person der Sprecher spricht, wenn er einen Eigennamen wie „Martin Müller” oder sogenannte deiktische, zeigende, Ausdrücke wie „hier”, „heute”, „dies” oder „er” verwendet. Wir können eine Äußerung im Hinblick auf ihren Sachbezug verstehen, nicht verstehen oder gar missverstehen. Glücklicherweise hilft uns oft der Zusammenhang sowohl bei Mehrdeutigkeiten als auch beim Sachbezug, das vom Sprecher Gemeinte zu erkennen. Wenn etwa eine Führungskraft gegenüber ihrer Sekretärin raunzt: „So ein Blödmann: Müller hat mir einen Termin für Montag reingelegt. Der weiß doch, dass ich Urlaub habe. Frau Schmidt, den müssen Sie umlegen!“ Dann wird Frau Schmidt zwar vielleicht in Gedanken mit der Pistole auf Müller zielen, jedoch dann brav Herrn Müller um eine Terminverschiebung bitten.

Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerade in Ihrem Unternehmen ein Dokument schreddern und erblicken neben dem Aktenvernichter auf dem Boden einen Papierfetzen. Sie möchten diesen gerade entsorgen, da fallen Ihnen die gedruckten Lettern „Protokoll” mit einer handschriftlichen Notiz ins Auge: „Nächste Woche werde ich es ihm heimzahlen!” Sicher kennen Sie als Sprecher des Deutschen den sprachlichen Sinn der Ausdrücke. Auch ist die Äußerung frei von Mehrdeutigkeiten. Und doch fehlt für ein substanzielles Verständnis dieser Äußerung zumindest das Wissen darum, auf wen sich „ich” und „ihn” beziehen und von welcher Woche die Rede ist. Bei den sogenannten deiktischen Ausdrücken schwankt trotz konstanter sprachlicher Bedeutung der Sachbezug mit dem Kontext der Äußerung: „Ich” verweist im meinem Munde auf eine andere Person als in Ihrem. (Kurios ist die Verwendung in Äußerungen wie „Ich stehe da drüben”, in denen „ich” sich ganz offensichtlich nicht auf den Sprecher, sondern auf seinen fahrbaren Untersatz bezieht.) Und in unserem Zettelbeispiel ist es bei dem Ausdruck „ihm” für Sie nicht ganz unwesentlich zu wissen, ob vielleicht Sie gemeint sind!

Doch selbst wenn neben der sprachlichen Bedeutung auch der Sachbezug aller Ausdrücke in einer Äußerung transparent ist, mag unser Verständnis noch dunkle Flecken aufweisen. Zum Beispiel mögen wir unsicher darüber sein, welche Handlung der Sprecher mit seiner Äußerung gerade vollzogen hat. Abgesehen von dem Akt des Äußerns selbst, tun wir mit Äußerungen etwas: Wir vollziehen eine sprachliche Handlung – eine Erkenntnis, für die John Langshaw Austin mit seinen treffend betitelten Vorlesungen „How to do things with words” berühmt wurde. Äußert etwa ein Projektleiter „Herr Meyer, sind Sie nächstes Mal Protokollführer?”, so ist für die Zuhörer vermutlich klar, von welchem Herr Meyer die Rede ist, und auf welchen Anlass sich der Projetleiter bezieht. Nicht ganz so klar mag sein, was der Projektleiter mit seiner Äußerung getan hat. Klar. Er hat seine Mundwerkzeuge bewegt und auf diese Weise Laute produziert. Aber welche sprachliche Handlung hat er dadurch vollzogen? Die Wortstellung und eine zum Ende ansteigende Intonation, die in der Schrift in dem Symbol eines Fragezeichen am Satzende eine Entsprechung findet, deuten darauf hin, dass er eine Frage gestellt hat. Und vielleicht hat der Sprecher dies auch. Nur ist es genauso denkbar, dass er eine Bitte geäußert, eine Feststellung getroffen, eine Drohung ausgesprochen oder einen Befehl gegeben hat. Auch sind Kombinationen möglich wie z.B. Fragen und Bitten, wobei oft der fragende Anteil eine untergeordnete Rolle spielt. Mit vielen Äußerungen, die grammatisch zu Recht als Fragen klassifiziert werden, wird gar keine Frage gestellt oder nur in einer sehr schwachen Form. Dies können Sie selbst testen, indem Sie auf die Reaktion achten, wenn Sie auf der Straße das nächste Mal „gefragt” werden „Wissen Sie, wie spät es ist?” und nach einem prägnanten „Ja” einfach weitergehen. In den Sprachwissenschaften wird die Handlung, welche ein Sprecher zusätzlich zum Äußerungsakt vollzieht, in der Folge von Austin und seinem Schüler Searle „Illokution” oder „Sprechakt” genannt. Searle unterscheidet fünf Gruppen von Sprechakten[2]:

  1. Assertive[3]: Sprechakte, mit denen eine Wahrheit ausgedrückt wird, wie vermuten, behaupten, entgegnen
  2. Direktive: Sprechakte, mit denen der Sprecher versucht, beim Gegenüber eine bestimmte Handlung hervorzurufen, wie fragen und befehlen
  3. Kommissive: Sprechakte, mit denen der Sprecher sich auf eine zukünftige Handlung festlegt, wie versprechen, drohen, anbieten
  4. Expressive: Sprechakte, mit denen der Sprecher einen psychischen Zustand ausdrückt, wie danken, entschuldigen, gratulieren, grüßen
  5. Deklarationen: Sprechakte, mit denen der Sprecher den Zustand in einer gesellschaftlichen Institution ändert, wie taufen, ehelichen, einstellen, befördern

Um zu erkennen, welchen Sprechakt oder welche Sprechakte ein Sprecher mit seiner Äußerung vollzieht, spielt oft die Intonation, der Zusammenhang, die Mimik und die Gestik eine wesentliche Rolle. Es ist möglich, dass Sprecher explizit ausdrücken, welchen Sprechakt sie mit ihrer Äußerung gerade vollziehen. So könnte der Projektleiter etwa seine Äußerung entsprechend einleiten: „Hiermit ordne ich an, dass Sie, Herr Meyer, das nächste Mal die Protokollführung übernehmen.” (Auch für diesen Fall existiert in der Sprachphilosophie ein sehr eingängiger terminus technicus: „explizit performative Äußerung”.) Doch das ist nicht nur die Ausnahme, sondern auch nicht immer sehr zuverlässig. Wenn der Projektleiter äußert „Ich stelle fest, Müller ist wieder 10 Minuten zu spät”, dann tut Herr Müller bestimmt gut daran, diese Äußerung nicht (bloß) als eine Feststellung zu verstehen. Die eindeutige Kennzeichnung des Sprechers kann auch auf den Holzweg führen!

Wann ist Kommunikation erfolgreich? Weder wenn der Hörer die Äußerung akustisch verstanden hat, noch wenn er ihren sprachlichen Sinn kennt, weder wenn er den Sachbezug erkennt, noch wenn er die Sprechhandlung identifizieren kann. Die Kommunikation ist genau dann erfolgreich, wenn der Sprecher das erfasst, was der Sprecher mitteilen wollte. Die Mitteilung hängt natürlich irgendwie mit den anderen Hinsichten des Verstehens zusammen. Und doch garantiert das Verstehen in den anderen Hinsichten noch nicht, dass der Hörer die Mitteilung des Sprechers erfasst.

Halten wir fest: Wir können eine Äußerung in fünf Hinsichten verstehen oder missverstehen:

  1. Akustik
  2. Bedeutung
  3. Sachbezug
  4. Sprechhandlung
  5. Mitteilung

Der vielleicht interessanteste Aspekt des Verstehens und Missverstehens hat Linguisten beinahe verzweifeln lassen: Oftmals geben Sprecher mit ihren Äußerungen etwas ganz anderes zu verstehen, als es der Sinn der Worte nahelegen würde. Eine Mitarbeiterin äußert, es sei ganz schön kalt hier, und gibt uns zu verstehen, dass ihr Kollege bitte das Fenster schließen möge. Eine Führungskraft äußert über einen Mitarbeiter, er sei bemüht und noch nicht negativ auffällig geworden, und gibt damit zu verstehen, dass fraglicher Mitarbeiter leistungsschwach und erfolglos ist. Oder ein Projektleiter sagt „Herr Meyer, sind Sie nächstes Mal Protokollführer?” und gibt damit zu verstehen, dass sich Herr Meyer inkorrekt verhalten habe und sein Verhalten in Zukunft ändern sollte, wenn er negative Sanktionen wie die Verantwortung für das Protokoll vermeiden möchte.

Bemerkenswerterweise können Sprecher sich die mögliche Kluft zwischen etwas sagen und etwas meinen zu nutze machen. Nicht nur vor Gericht und bei Verträgen, sondern auch in der alltäglichen Kommunikation werden wir in der Regel an dem gemessen, was wir sagen bzw. schreiben, und nicht an dem, was wir darüberhinaus mitteilen. Nehmen wir z.B. an, dass sich der Projektleiter über Herrn Meyer ärgert. Er weiß, dass Herr Meyer am Vorabend auf einer privaten Feier war, und nimmt ihm übel, dass er zu spät und scheinbar deutlich verkatert erscheint. Seiner Verärgerung gibt der Projektleiter ein Ventil, indem er in dem Protokoll notiert: „Heute erscheint Herr Meyer betrunken und 10 Minuten zu spät.” Herr Meyer, dem für die kommende Sitzung die Protokollführung übertragen wird und den diese kritische Notiz wurmt, notiert nun seinerseits in seinem Protokoll eine Woche darauf: „Heute erscheint der Projektleiter nüchtern und pünktlich.” Es fällt leicht, sich die Reaktion des Projektleiters auf diesen Eintrag vorzustellen. Vermutlich wird er Herrn Meyer zur Rede stellen, was er sich denn erlauben würde, ihn durch Unwahrheiten in ein derartig negatives Licht zu stellen. Doch Herr Meyer könnte gelassen entgegnen, dass das, was er geschrieben habe, der Wahrheit entspräche. Dies wirft nicht nur die philosophische Frage auf, was eine Lüge sei,[4] und die moralische Frage, unter welchen Bedingungen eine Lüge zulässig ist. Auch im Hinblick auf die Kommunikation ergibt sich ein elementare Frage: Wie ist es möglich, mit der wahren Aussage, jemand sei heute nüchtern und pünktlich, die falsche Botschaft, er sei fast immer betrunken und unpünktlich, mitzuteilen? Ähnliches gilt für viele rhetorische Mittel wie Ironie und Metapher: Herr Müller äußert im Hochsommer in dem unklimatisierten Büro auf der Sonnenseite, es sei ganz schön kalt hier, und gibt Frau Meyer zu verstehen, dass es heiß ist. Und Frau Meyer äußert, Herr Meyer sei ein Eisbär, und gibt zu verstehen, dass Herr Meyer ein übersteigertes Wärmeempfinden habe. Bei vielen ironischen und metaphorischen Äußerungen teilt der Sprecher etwas Wahres mit, indem er etwas Falsches sagt.[5] Und dass ein Sprecher allgemein erfolgreich etwas anderes mitteilt, als er sagt, scheint nicht nur eine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel zu sein.

Eine Antwort auf die Frage, wie ein Sprecher etwas anderes zu verstehen geben kann, als der Sinn seiner Worte nahelegen würde, führt uns zu dem Schlüssel von menschlicher Kommunikation überhaupt. Lesen Sie im nächsten Teil, der zwei Monate nach diesem erscheinen wird, wie Kommunikation funktioniert. Oder schauen Sie gleich in mein Buch“Führend führen. 9 Prinzipien für exzellentes Leadership“. Durch ein Klick auf das Buch-Symbol erfahren Sie mehr.

[1] Vgl. Cialdini Die Psychologie des Überzeugens S. 237ff.

[2] Vgl. Searle Speechacts

[3] Dies ist die Bezeichnung in neueren Schriften von Searle. In seinem klassischen Werk Speechacts nennt Searle diese Klasse von Sprechakten noch „Repräsentative”.

[4] Siehe mein Buch Wahrheit in der Moral, S. 158f.

[5] Siehe mein Buch Metapher und Wahrheit

 

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